Die Menschen hinter Las Comadres
Interview mit Lucy Braun
Lederarbeiten

Las Comadres ist mehr als ein Atelier oder ein Laden. Es ist ein gemeinsamer Raum, getragen von unterschiedlichen Frauen, Ideen und Handwerken. In dieser neuen kleinen Interview-Reihe stellen wir die Menschen hinter Las Comadres vor. Diesmal ist Lucy vom Büro des guten Geschmacks dran. Zwischen pflanzlich gegerbtem Leder, alten Werkzeugen und einem kleinen Augenzwinkern Richtung Bürokratie entstehen bei ihr Lederwaren, die mit der Zeit immer schöner werden.
Wie bist du zur Lederarbeit gekommen?
Eigentlich komme ich aus einer ganz anderen Welt. Ich habe über 20 Jahre für die Vereinten Nationen gearbeitet, vor allem in der Kommunikation, im Veränderungsmanagement und in der Nothilfe, und dabei in ganz vielen verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet. Durch die vielen Umzüge und Ortswechsel haben mich Dinge, die langlebig sind und einen über Jahre begleiten, irgendwann besonders angesprochen.
Während meiner Zeit in Japan von 2008 bis 2010 habe ich zum ersten Mal Lederwaren gesehen, die mich in ihrer Schlichtheit und Qualität wirklich begeistert haben. Dort habe ich auch meine ersten Traveller Notebooks entdeckt und gekauft – und die begleiten mich tatsächlich bis heute. Mit viel Patina, tiefen Spuren und allem, was sich über die Jahre darin gesammelt hat. Diese Mischung aus Funktionalität, Zurückhaltung und Schönheit hat mich sehr geprägt.
Ein paar Jahre später, als ich in Brooklyn gelebt habe, gab es ein paar Straßen weiter einen kleinen Schuhmacher- und Sattlerladen, der Workshops angeboten hat. Dort habe ich vor inzwischen über zehn Jahren angefangen, meine ersten Ledersandalen und Taschen selbst zu nähen. Seitdem begleitet mich die Lederarbeit. Lange Zeit allerdings parallel zu meinem eigentlichen Beruf. Erst seit Anfang 2025 habe ich wirklich den Raum, dieser kreativen Seite meines Lebens die Aufmerksamkeit zu geben, die sie eigentlich schon immer verdient hätte.
Warum heißt dein Atelier eigentlich „Büro des guten Geschmacks“?
Der Name entstand vor vielen Jahren zusammen mit einem engen Freund von mir. Wir haben damals beide in einer großen deutschen Bundesbehörde gearbeitet und uns oft darüber amüsiert, wie viel Bürokratie, graubeige Tristesse und Formularwesen es in solchen Systemen geben kann – und wie dringend dort eigentlich eine Art Amt für schöne Dinge, gute Materialien und guten Geschmack nötig wäre.
Aus diesem Gedanken wurde irgendwann ein Running Gag zwischen uns. Und irgendwann haben wir uns halb im Scherz versprochen: Falls einer von uns jemals eine Firma gründen sollte, müsste sie unbedingt „Büro des guten Geschmacks“ heißen.
Leider ist dieser Freund viel zu früh gestorben. Dass es das Büro des guten Geschmacks heute wirklich gibt, fühlt sich deshalb manchmal auch wie das Einlösen eines sehr alten Versprechens an. Vielleicht nicht ganz in der Form, wie wir es uns damals vorgestellt hatten – aber dem ursprünglichen Gedanken ziemlich treu. Heute entstehen dort Dinge aus Leder und Papier, die lange bleiben dürfen, Gebrauchsspuren sammeln und mit der Zeit immer schöner werden. Formulare gibt es übrigens bis heute keine.
Warum arbeitest du so gerne mit Leder?
Ich bin ein unglaublich haptischer Mensch und finde Leder ein sehr sinnliches Material. Ich liebe, dass es lebt und sich im Laufe der Zeit verändert. Natürlich sind neue Lederstücke auch schön, aber fast noch schöner finde ich, wie sie mit den Jahren persönlicher werden, Spuren bekommen und eben richtig Patina entwickeln. Sie bekommen Charakter! Und sie müssen für mich auch von Anfang an gar nicht perfekt sein. Ich arbeite ja ausschließlich mit pflanzlich gegerbtem Leder, und dort sieht man oft von Anfang an kleine Narben, Kratzer oder Unregelmäßigkeiten – also Spuren eines echten Lebens. Genau das mag ich daran.
Wie bist du eigentlich im Las Comadres gelandet?
Eigentlich wirklich komplett durch Zufall. Ich war im letzten Herbst auf der Suche nach einem Raum für meine Lederworkshops und hatte ursprünglich einen Veranstaltungsort auf der anderen Straßenseite im Auge. Zu dem Termin dort war ich allerdings viel zu früh dran und bin dann eher zufällig ins Las Comadres hineingestolpert.
Dort bin ich direkt auf Thoko gestoßen, die gerade vor Ort im Laden war und wir kamen ins Gespräch. Irgendwann meinte sie ganz nebenbei, dass das Las Comadres ja auch einen wunderschönen Workshop-Raum hat. Ich habe mich sofort total wohl gefühlt im Las Comadres. Diese kreative, offene Atmosphäre, die unterschiedlichen Frauen, die dort arbeiten, all die schönen Dinge und Gespräche – das hat einfach direkt gepasst. Danach ging alles ziemlich schnell und der Rest ist Geschichte.
Gibt es ein Werkzeug, an dem du besonders hängst?
Da gibt es einige Kandidaten. Besonders liebe ich eine wundervolle schwere Schere, die ich einmal in einem kleinen Lederladen in Paris gefunden habe. Mit ihr zu schneiden macht einfach Spaß, und sie ist quasi unkaputtbar.
Zu den für mich wertvollsten Werkzeugen gehören aber eine Ahle und ein Falzbein, die ich beide von meinem Großvater geerbt habe und die bestimmt schon fast 100 Jahre alt sind. Mit ihnen hat er selbst Bücher gebunden und mir das Buchbinden beigebracht. Wenn ich diese Werkzeuge heute in der Hand halte und damit arbeite, fühlt sich das schon sehr besonders an.
Was entsteht gerade oben auf der Empore?
Im Moment richte ich mich dort selbst noch ein bisschen ein. Aber es fühlt sich toll an, jetzt mitten im Ladenbereich zu arbeiten und nicht mehr versteckt hinten im Yogaraum – auch wenn ich es dort wirklich sehr mochte.
Gerade entstehen ein paar Produkte für Hunde und ihre menschlichen Begleiter. Meinen quirligen Werkstatt-Hund Momo könnt ihr dort wahrscheinlich auch immer mal wieder antreffen, wenn ihr vorbeikommt. Und außerdem arbeite ich gerade an einer kleinen, aber feinen Taschenkollektion. Davon habe ich bestimmt seit über 30 Jahren gesprochen und geträumt. Dass daraus jetzt tatsächlich langsam Realität wird, fühlt sich ziemlich besonders an.